
Bildungsphilister mit Liebe zum geräumigen Magen
Inzwischen bekommen immer eingefleischtere Gestalten des bundesrepublikanischen Kulturbetriebes als Establishment-Kippfiguren den Roten Teppich von Alternativmedien ausgelegt und werden dort als „Persona non grata“ hofiert, obwohl diese sich noch immer eifrig an den vom Staat an die Zivilgesellschaft »demokratiefördernd« weitergereichten Pfründen erquicken, maximal zwischen den Stühlen zweier qua Brandmauer getrennter Lager stehen und durch deren hartnäckiges Bröckeln nun zunehmend in eine ökonomische Prognoseentscheidung dahingehend gedrängt werden, wo mehr Mammon und Reputation zukünftig abzugreifen ist. Bezeichnend ist hierfür das kürzlich ausgestrahlte Gespräch mit Rüdiger Safranski in dem einst als Reaktion auf die verschärfte Medienkonformierung im Zuge des Corona-Maßnahmen-Regimes entstandenen Kontrafunk, das nur Anlass ist für eine grundlegende philosophische Reflektion über den Zustand des bundesdeutschen Kulturbetriebs, der seit etlichen Jahrzehnten mit seiner liberalen Magensäure alle heterogenen Elemente des deutschen Geistes zersetzt oder alternativ in die Giftschränke der Geistesgeschichte einsperrt, wo sie nur von qualifizierten Sonderbeauftragten für Vergangenheitsbewältigung in brdianischer Hohepriestergewandung unter Denkaufsicht in zerkleinerten und entkontextualisierten Häppchen nach einer sorgfältigen Gefährdungsprüfung und bewussten Inhaltsentstellung entnommen werden dürfen, um zur Antifragilisierung des bestehenden Systems verzweckt zu werden.[1] Literarische Kulturgüterpflege (fernab ritualisierter Denkbetreuung) in allen Ehren, aber anbiedern muss man sich den auf den letzten metapolitischen Metern vor dem öffentlichen Mehrheitsmeinungs- und vielleicht sogar Machtwechsel Überlaufenden nicht. Der maximal leichte Kontra-Signale abgebende BRD-Boomer-Sound schafft für solche seichten Übertrittsversuche die optimale apolitische Atmosphäre, denn hier kommt der umgarnte Gast niemals in den Verdacht der Relativierung des bundesdeutschen Schuldkults und kann zugleich höhere Zuhörerzahlen als im geistigen “Heimatlosensender” Deutschlandfunk abgreifen, um eine neue Werbeplattform zu ergattern. Der helvetische Schwatzsalon, der gelegentlich interessante und kontroverse Gäste einlädt, mutiert zu einem besonders geeigneten Terrain für die aussterbende FAZ-Schickeria, die sich in der Schweiz für 25000 € aufwärts auch noch mit einem Shareholder-Anteil eindecken und dadurch ihre Schäfchen wieder einmal rechtzeitig ins Trockene bringen kann. Vielleicht dürfen wir demnächst auch einer Beweihräucherung der Philosophie seines Berliner Freundes Sloterdijk in alternativen »Denkräumen« lauschen. Der ist allerdings eine ganz andere intellektuelle Hausnummer als der „kleine Rüdiger aus Rottweil“, allein schon was satisfaktionsfähige Diktion anbelangt. Ihm eignet immerhin die unbewusste Kraft zum tragischen Symbol des bundesrepublikanischen Clerc. Der ehemalige Talkshowpartner beim „Philosophischen Quartett“ ist ein die halbgebildeten Massen profitabel bespielender, an Ort- und Vaterlosigkeit „leidender Verwerther“[2] des Geistes, der die entortenden Kräfte der Moderne noch veloziferisch ankurbelt, während er in einer höllischen Walpurgnisnacht auf dem Rücken des fliegenden Mephisto mit wehendem Haar durch die Schweizer Berge daher braust, dabei aber nie die geistige Höhe von Maria Sils erreicht. Man sollte als Dissident den mehr oder minder begabten, aber umso raffinierteren Sprachkünstlern nicht ästhetisch auf den Leim gehen, sondern deren zutreffende Analysen kühl übernehmen und sie politisch-theologisch verschärfen. Alles andere wäre ästhetische Romantik. Der zwischen Berlin und Badenweiler, Stadt und Land, Geld und Geist, Adorno und Heidegger luxuriös pendelnde Kulturattaché hingegen kann nur noch auf dem Zauberberg genesen, während der Berliner Hofphilosoph, der bundesrepublikanische Hegel, immerhin noch die Höhen von Maria Sils im verschwommenen Blick hat, wenn er sich mit regressiver Leichtigkeit des gestiegenen Alters zu einem halsbrecherischen Tiefflug über die »letzten Menschen« überhebt.
Worin unterscheidet sich Kontrafunk noch vom Deutschlandfunk?
Wie sich diese ästhetische Nabelbeschau noch vom Deutschlandfunk substantiell unterscheidet, vermag der intellektuell unterbotene Zuhörer nicht zu erkennen, ertönen doch dort auch zuletzt liberalismuskritische Töne.[3] „Angenehm einschläfernd“ ist das ewige Literaturgespräch der politischen Romantiker auch nicht zu nennen. Die deutsche Entscheidungslosigkeit inkarniert sich in dem Stereotyp des schlaffen Systemapologeten, der in dem ungemein verflachten Dualismus von neopagan-väterlichem »Larp« und privat-pietistischer Verkümmerung der öffentlichen Form der Religion zerrissen ist. Er schließt in gewisser Weise den Kreis der aufklärerischen Tradition, von anfänglicher Geistesgröße zu erbärmlich selbst verzwergender Wühlarbeit in den Errungenschaften des deutschen Geistes, war doch der ebenfalls „Königsberger Chinese“ Kant (Schmitt) auch ein Pietistenabkömmling, der deren fanatischen Rigorismus in die Ethik transponiert hat[4] und dadurch laut dem Weimarer Staatsrechtler Erich Kaufmann den geistesgeschichtlichen Pfad zur wirklichen Staatsethik in Deutschland abgerissen habe. Mit Blick auf den bundesdeutschen Kulturbetrieb werden wir der „Selbstzersetzung“ der letzten Fragmente des europäischen Humanismus[5] ansichtig, darf die typisch deutsche Bildungsvergötzung doch zu guter Letzt auch nicht fehlen, um das Bild eines harmlosen Bücherliebhabers zu komplettieren, dessen ästhetische Pflege der Privatbibliothek den öffentlichen Kult der christlichen Religion ersetzt. Hier vollzieht sich die endgültige Enttheologisierung und Entsubstantialisierung der öffentlichen Sphäre durch eine zaghafte Verinnerlichung – eine Spätfolge protestantischer Altlasten: ein Rückzug in das paradiesische Kabinettchen der Innigkeit, während draußen der Leviathan die Welt in ein algorithmisiertes Totalüberwachungsnetz verwandelt.[6] Wer Menschheit sagt, will betrügen; wer Bildungsgüter pflegt, will plündern; wer aber seine Bibliothek zum Altar errichtet, der hat den messianischen Erben bereits im Stillen erwürgt.[7]
Kontraproduktive Konterrevolutionäre von 1968?
Die Zurschaustellung lasziver Libertinage der 68er-Kulturrevolution und ihre retrospektive Selbstbeweihräucherung visualisieren zu müssen, ist kaum mehr zu ertragen. Die zur liberalen Bequemlichkeit bekehrten Clercs der 68er-Kulturrevolution: Sie sind die wahren Asylzerstörer des Geistes. Was sie eitel als „Befreiung“ zelebrieren, ist in Wahrheit der innerliche Vollzug der falschen Befreiung des Besiegten, eine feige Flucht aus dem Risiko des Politischen in die schamlose Ideenvermarktung eines intellektuellen Absatzbetriebs. „Einige Clercs aber erhalten die Lizenz, an den Ketten zu rütteln, um das Geräusch einer freiheitlichen Bewegung hervorzurufen.“[8] Sie begehen nach Carl Schmitts scharfer Analyse die „trahison des clercs“ (J. Benda) in ihrer finalen Stufe: dem Übergang vom Proletariat zur Journaille einer voll integrierten und alimentierten Vierten Gewalt, die ihre eigene Selbstinszenierung als ästhetisches Ereignis auf der medialen Bühne genießt. Die auf die 68er-Leibesfreuden folgende Beschäftigung mit Geistesgrößen ist seitdem eigentlich nur noch die Fortsetzung der Selbstbefriedigung »mit anderen Mitteln«[9] an nunmehr abstrahierten Genussobjekten, nachdem man die »Preußische Selbstzucht« und das sinkende Schiff der maoistischen Revolutionsumtriebe wieder zugunsten einer erschwinglicheren Lebensweise des intellektuellen Absatzmarktes verlassen hat. Ein solcher „Genussmensch“ ist ein Pietist des Konsums, ein mesotischer Lehrer des ästhetisierten Verbrauchs. Er plaudert ohne „Maß und Mitte“, ohne jegliche Reue und Bewusstsein von der Tragweite seiner destruktiven Mitwirkung an der intellektuellen Zersetzung der deutschen und europäischen Volkssubstanz, und darf das auch noch unwidersprochen in einem Nobelsender für halbgebildete Mehrbegüterte tun. Amusement auf profaner Stufe, an dem sich der Moderator geradezu voyeuristisch selbst erquickt. »Der innere Gebetsteppich der kultischen Vorliturgie des geweihten Weingenusses« … hört sich der wohlhabende Kulturadel des bundesrepublikanischen Ancien Régime eigentlich noch selber reden, während mindestens 20% der Deutschen an der Armutsgrenze dahinsiechen? Dass ihnen der Wein noch schmeckt, ist das eigentliche infandum scelus[10]: Die Clercs trinken den teuren Tropfen, nachdem ihrem Volk lange zuvor bereits im Mittelalter der Kelch des heiligsten Sakraments von den Klerikern entzogen wurde, und konsumieren das Surrogat zum Blut Christi nur noch als Genussmittel in einer Welt der grenzenlosen Konvertibilitäten und Wahrheitsbetäubungen, da sie als „demokratische Individuen“ (R.P. Sieferle) nicht einmal mehr zu einem dionysischen Rausch fähig sind. Sie haben aus Schmitts Sicht, von der sich der verfassungstreue Autor schärfstens distanziert, die preußische Selbstzucht für die »Euthanasie des Geistes« eingetauscht und wähnen sich in ihrer verweichlichten Nabelbeschau sicher, während sie in Wahrheit nur die „Asche geschändeter Leichen“ einatmen, die die Luft ihrer „lizenzierten Öffentlichkeit“ vergiftet.[11] Noch unerquicklicher sind dem Verfassungsfeind Schmitt freilich die lizenzierten „Bußprediger“[12] und »Vergangenheitsdauerbewältiger«, die vom Weltgeist Absolution für ihren Verrat einkassierten, während sie gierig den Odem »geschändeter Leichenasche« inhalieren würden.[13]
Verklärte Freizügigkeit der 68er-Zeiten
Aber ach wie herrlich frei war doch die damalige freie Universität, als man sich noch ungehemmt an die Wäsche ging ohne verklemmte “Me-Too”-Anwürfe! So lässt es sich herzhaft gegen das Woke Virus hetzen und sich weiter in Dauererregung unter-halten! CIA finanzierte Zeitschriften sind doch wirklich ein Faszinosum, genauso anregend und “spannend” wie alles andere in seiner Beliebigkeit des “Interessanten”, und zugleich instantan wieder Vorübergehenden und Vergänglichen (Heidegger). Die öffentliche “Verarbeitung” derartiger „vergangener Torheiten“ wie maoistischer Revolutionsagitation darf man ebenso schrankenlos und beliebig in halbdissidenten Philisterresiduen ausleben. Wie schön und folgenlos die wahre Liberalität doch ist! Bundesdeutsche Kultursendungsformate verkommen immer mehr zur seichten Dauererregungssendung „unbefristeter“ Länge für thymotisch spannungslose Genussschlaraffen. Das scheinbare redaktionelle Wissen um die historische CIA-Beteiligung an Zeitschriften und Medien mit der Intention, kontrollierte Opposition zu steuern, die Leute in der Polarität von geistiger Enge und genussvoller Gefühlsbreite aufzuspannen, um sie von der engen Pforte politisch-theologischer Verschärfung fernzuhalten, lässt den umsichtigen Zuhörer immerhin kurz innehalten. Im »besten Deutschland aller Zeiten« dürfen die ehemaligen Mao-Barden aus ihren vergangenen Torheiten öffentlich Mythen züchten. Sie erfüllen die Funktion einer „lizenzierten Opposition“ auf der Bühne einer tolerierten Pseudoöffentlichkeit (Schmitt). Sie plaudern schrankenlos, weil sie wissen, dass ihr Wort keine Dezision ist, die Gehorsam erzwingt, sondern folgenlos verhallt. Der Clerc ist kein „Hirte des Seins“ (Heidegger), sondern konkurriert seit Jahren eifrig mit seinen Philosophenfreunden aus dem Juste Milieu um den Titel des bestdotierten »Melkers der deutschen Sprache« (Schmitt), der das Arkanum existenzieller Not in das schale Glissando einer Gedankenkompilation für den gehobenen Bildungskonsum auflöst. Er melkt die gefährlichen Ur-Worte unserer großen Einsamen – eines Heidegger, eines Nietzsche, eines Schopenhauer, eines Hölderlin – so lange, bis nur noch der fade, verdauliche Schleim einer neutralisierten Humanität für das saturierte Bildungsbürgertum übrigbleibt. „Miching mallecho!“ – es bedeutet Unheil, wenn die Sprache zum bloßen Instrument der „social sorcery“[14] wird, um die Leere des Nihilismus mit wohlklingenden Phrasen zu übertünchen. Der bundesrepublikanische Clerc liefert das kulturelle Opium für »die schon länger hier Lebenden« und bald Ablebenden, indem er den Geist verleibt und den Leib entgeistet, bis alles zur leeren Fassade eines totalen Kultur- und Konsumbetriebs verkommt. Er ist das Produkt einer Epoche, die das Grab verloren hat und nun im Interim des ewigen Geschwätzes unbehaust wohnt. Die Urnenbestattung ist das Symbol des ungläubigen Umgangs mit der Leiblichkeit des Menschen. Die Sprache ist längst nicht mehr „das Haus des Seins“ (Heidegger). Der Clerc bietet lediglich „carrion-fun“[15] für jene „inops inhumataque turba“ der letzten greisen Lebenden der »deutschen« Bildungsgesellschaft, die unfähig ist, das Schweigen der Wahrheit auszuhalten, und die letzte Würde des Menschen in endlosen Belanglosigkeiten zerredet.[16]
Vom Kontra zum zeitgeistien Mitschwimmer?
Wenn es so weiter geht mit derartig etikettenschwindelnden Unterhaltungsformaten, die selten wirkliches Kontra geben, geschweige denn zum politischen Angriff blasen, könnten die übergewechselten Chefs auch wieder als Redakteure bei alten Arbeitgebern einsteigen und ihre Einkommen dadurch nochmal etwas aufhübschen, um es dann im 3-Sterne-Restaurant mit einem effeminierten Busen- und Bücherfreund zu verbraten und in diesmal werbepausenlosen Genussorgien zu verprassen, nachdem der kredenzte Wein vorher in eine sakramentale Genussgabe vom Hohepriester der ästhetischen Weihen transsubstantiiert wurde. Bei einem solchen Ritual können die feinschmeckenden »Brüder« des liberalistischen Bildungskults sich dann vielleicht noch unverhohlen am Restauranttisch sitzend gegenseitig mit dem teuren Tropfen zuprosten, um den Genuss beim “Hochamt des Gourmets” dem möglichst langen Rentnerdasein zu weihen. So zelebriert sich der heroische Widerstand angemessen! „Gottlob”, wir leben in einer Situation, wo man für das „freie Wort” noch Preisprügel und dicke Gehaltsabrechnungen bezieht. Die heranwandernden Volksscharen aus dem Nahen Osten bedrohen solche moderaten Konsumekstasen hingegen wirklich existentiell. »Schließt gefälligst die Restauranttüren, damit man in Ruhe speisen kann!« In Badenweiler, wo man wahrscheinlich noch klammheimlich durch die Hintertüren des Sterne-Restaurants als maskentragender und somit gesichtsloser Rentner vorgelassen wurde, ohne von prätorianischen Regierungstruppen niedergeprügelt zu werden wie auf dem heißen Demonstrationspflaster Berlins, fühlte sich auch die drakonische Corona-Maßnahmendiktatur wohl sehr privilegiert an, solange es einem nicht an die eigene Seidenwäsche ging. Den “autoritären” Badenweiler Marsch kann man aber mit einer wohlfeilen Mentalität des Opportunismus und systematischen Wegsehens nicht mehr genießen. Irgendwo liegen dann doch die festen Grenzen des guten oder vornehmen Geschmacks für den stilistischen Nietzsche-Verehrer, der achtlos mit Philosophenzitaten um sich wirft wie Karnevalisten Kamelle beim Umzug. Auch dieser Ortsname wird entgeistigt zu einem privilegierten Ort des Konsums und ästhetischer Sinnesfreuden, von dem man dem Niedergang des eigenen Landes kaum berührt zuschaut. Ohne Kinder lebt es sich wirklich fast sorgenfrei! Und nach mir die Sintflut. Vorher aber hoffentlich noch viele Filets Mignons, wenn man nicht vor lauter innerer Erschlaffung schon Veganer geworden ist. Ad multos vinos!
Marianne Meier
[1] KONTRAFUNK – Persönlich: Rüdiger Safranski – die Liebe zum geräumigen Denken
[2] Vulgo Schmitt über Ernst Jünger. Gegen diesen Kulturbetrieb schreibt auch Matthias Moosdorf, Kultur von Rechts, Jungeuropa 2026 in leidenschaftlicher Verteidigung abendländischer Kulturgüter an, ohne jedoch selber den Standpunkt einer statischen Verwahrung und Verfallsverzögerung transzendieren zu können.
[3] Vgl. den erstaunlichen Essay Postliberalismus – Die Machtfrage – Muss die Linke sich von ihrem eigenen Liberalismus befreien?
[4] Was einen großformatigen Denker wie Hans Joachim Schoeps gar zu einem unverdienten Preußenlob veranlasste: unverdient, weil wir sehen in welche Abgründe ein säkularisierter Pietismus heutige Obrigkeitskuschende hineinstürzt.
[5] Die „Zersetzung und Selbstzersetzung der großen Philosophie des deutschen Idealismus“ entfesselte theogonische Umsetzungen“ (Schmitt, Glossarium, S. 129). Theogonisch meint dabei die mythopoetische Neustiftung des Absoluten, die dem seelenlosen Mechanismus und dem zwecklosen technischen „Betrieb“ der Moderne neues Leben einhauchen soll. Laut Schmitt bestehen diese theogonischen Umsetzungen primär in der Übertragung göttlicher Attribute auf das menschliche Subjekt, was die Selbstzersetzung des deutschen Idealismus einleitet. Dieser Prozess beginnt damit, dass die Romantik den allmächtigen Gott durch das „romantische Genie“ ersetzt und das Ich zum alleinigen Schöpfer der Wirklichkeit erhebt. In der weiteren Entwicklung treten an die Stelle des transzendenten Schöpfers die „neuen Demiurgen“ Menschheit, Volksgemeinschaft und Geschichte, was schließlich über den Zwischenschritt Hegels Zusammenführung dieser beiden Demiurgen in eine philosophische Synthese als unmittelbare Vorstufe zum Marxismus führt. Die entscheidende Wende markiert Feuerbachs Humanisierung des Absoluten, die den Menschen im Sinne eines „homo homini deus“ selbst zum Gott erklärt und so den Weg zur totalen Selbstermächtigung bereitet. Letztlich führt diese Entwicklung laut Schmitt zu einem nihilistischen Utopismus, in dem die Menschheit versucht, sich in einer permanenten Selbst-Schöpfung aus dem Nichts (sog. „Prozeß-Progreß“) völlig neu zu erfinden.
[6] Diese „armen Deutschen, das sind doch heute eigentlich die Orphelins du léviathan.“ (Schmitt, Glossarium).
[7] „Wer Gott sagt, will betrügen.“, behauptete der sozialistische Anarchist Proudhon. „Wer Menschheit sagt, will betrügen“, machte daraus Schmitt, Begriff des Politischen, S. 55.
[8] Schmitt, Glossarium, S. 203.
[9] „Der Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel; wir sehen also, daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, eine Durchführung desselben mit anderen Mitteln. Alles, was außerdem nur dem Kriege eigentümlich ist, bezieht sich nur auf die besondere Natur der Mittel, deren er sich bedient. Daß die Tendenzen und Ansichten der Politik mit diesen Mitteln nicht unvereinbar sein sollen, kann die Kriegskunst im allgemeinen und der Feldherr im besonderen fordern; und diese Forderung ist wahrlich keine geringe. Wie aber auch diese in einzelnen Fällen auf die politischen Ansichten zurückwirken mag, so muß sie doch immer nur als deren Modifikation angesehen werden; denn die politische Ansicht ist der Zweck, der Krieg ist das Mittel, und niemals kann das Mittel ohne Zweck gedacht werden.“ (Clausewitz, Vom Kriege, 1. Buch, 1. Kapitel).
[10] Schmitt assoziierte Rauschmittelkonsum (ein säkulares Derivat des eucharistischen Weines, der zur Unterscheidung der Geister befähigte) häufig mit der geistigen Resilienz gegenüber geistigen Einstrahlungen des Feindes. So entfremdete das von Aldous Huxley gerühmte Mescalin vom Boden der Heimat. Er stilisierte seine geistige Abwehrhaltung eigenwillig: „Europäischer Rationalismus ist Immunität gegen die Rauschgifte des Feindes. Von dorther ist das infandum scelus zu ermessen, das in den zwei Sätzen liegt: 1. Religion ist Opium fürs Volk und 2. Christentum ist Judentum fürs Volk. Diese beiden Sätze stammen aus der Zeit vor 1848; ihr Echo brauchte fast ein Jahrhundert.“ (Schmitt, Glossarium, S. 203).
[11] „Weil die ganze Atmosphäre vergiftet ist. Aber wodurch? Weil zu viele Leichen geschändet, verbrannt worden sind und ihre Asche in die Luft geflogen ist; weil die Luft voll ist von der Asche geschändeter Leichen, denen man die ehrliche Beerdigung verweigert hat.“ (Schmitt, Glossarium, S. 252). „Wenn der Leichnam über der Erde bleibt, so fressen ihn Hunde oder Vögel; oder die Asche zerstreut sich in der Luft und vergiftet die Luft, die wir atmen. Jetzt machen sich andere Gemeinwesen auf: Chinesen, Inder, Nicht-Europäer. Die Asche will nicht lassen ab, sie stäubt in allen Landen! Dazu kam die verweste Druckerschwärze abgestandener Ideologien. Auch sie stäubt in allen Landen.“ (Schmitt, Glossarium, S. 250). „Binnen kurzem wird das Häufchen Asche verstreut, das Grab verfallen und jeder Hinweis auf deinen Untergang verschwunden sein.“ Pharsalia, VI, 867 f. (Ders., S. 481).
[12] „Oder wollt Ihr der von Euch so verachteten Zeit das elende Schauspiel einer Rauferei zwischen Bußpredigern geben? Approbierte, konzessionierte, lizenzierte Bußprediger, das ist, kierkegaardisch gesehen, doch wohl noch ein Grad jämmerlicher als der approbierte kirchliche Kanzelredner.“ (Ders., S. 23). Schmitt zeigte sich in seiner beißenden Polemik gänzlich unbußfertig gegenüber den Schuld- und Schamritualen eines säkularisierten Puritanismus, deren mediale Exponenten er gar umso hartherziger und reueunwilliger in vulgärer Diktion als „lizenzbedürftige Eunuchen“ geißelte: „Ich gehöre nicht zu den Mücken, die es für ein Glück halten, in dem armen Licht einer solchen lizenzierten Öffentlichkeit herumzuschwirren.“ (Ders., S. 116, 134). Schmitt wagt im freiesten Deutschland aller Zeiten kaum mehr ein offenes Wort der Kritik aus orwellianischer Angst vor dem ubiquitär lauernden Big (Br-)Other und exkulpiert insoweit die publizistische Strategie Jünger nach Kriegsende: „Eine sehr praktische, in Zeiten schnell wechselnder Fronten überaus empfehlenswerte Methode der Deckung durch Verschlüsselung. Man redet sehr weise und sehr viel und redet sich doch nicht fest; man sagt soviel, daß ein dickes Buch entsteht und hat schließlich doch nichts Gefährliches gesagt, sondern nur pseudo-mythologische Kulissen gemalt. Aber wahrscheinlich ist das doch die richtige Methode, in einem Lizenzstaat über aktuelle Dinge zu publizieren. Non possum directe scribere de eo qui potest directe proscribere.“ (Glossarium, S. 213).
[13] Ders., S. 248, 252. „Was ist unmittelbarer, unveräußerlicher, unabstreitbarer als mein Leib und mein Eigentum daran? Ihn nehme ihn doch mit ins Grab, nicht wahr? Armer Illusionist. Du nimmst ihn nicht mit ins Grab. Er kommt ins Krematorium. Vielleicht wird seine Asche in alle Winde zerstreut.“ (S. 67 f.) Schmitt greift die mehrdeutige Metaphorik der Leichenasche an zahllosen Stellen auf: „Die Asche will nicht lassen ab, sie stäubt in allen Landen! Hier hilft kein Bach und Grub’ und Grab; Sie macht den Feind zu schanden!“ sollen die Anhänger Johannes Hus‘ nach dessen Tod gesungen haben (S. 249, 439) „Diese Stämme verbrennen hier am Herde, Auf ein kurzes Stündlein mich warm zu halten, Der ich bald doch werde müssen erkalten, Der ich selber zu Asche sinken werde. Gibt es vielleicht gar keine Einsamkeit? Bin ich selber nur ein verbrennend Scheit? Und wie ich mich wärme am Eichenstamme, Wärmt sich vielleicht ein unsichtbarer Gast / Heimlich an meiner zehrenden Lebensflamme, Schürend und fachend meine Gedankenhast?“ (Lenau, Das Blockhaus, 1839, zit. n. Ders., S. 386).
[14] How full of adventure is life! It is monotonous only to the monotonous. There may be no longer fiery dragons, magic rings, or fairy wands, to interfere in it‘s course and to influence our career; but the relations of men are far more complicated and numerous than of Yove, and in the play of the passions, and in the devises of creative spirits, that have thus a proportionately greater sphere for their actions, there are spells of social sorcery more potent than all the negromancy of Merlin and Friar Bacon.“ (Brief Disraelis an Mrs. Willyams of Torquai, 9. 12. 1862; zit. n. Ders., S. 109).
[15] „Das Körper- und Geist-Gefühl des Gnostikers: Kristallinische Reinheit; der Schmutz des Blutes überwunden in reiner Strahlung; Unfruchtbarkeit; malthusianisch=pazifistisch. Birth-Control. Carrion-Comfort. Was wollen sie? Die Masse: gut leben und ihr Späßchen haben; to live and have a fun. Man wird Euch damit bedienen; mit Nahrung und Freizeitgestaltung, mit Kalorien und Kinos. Panem et circenses wäre zu substanziell für diese massa perditionis. Sie brauchen carrion-fun.“ (Ders., S. 191).
[16] „Was ist denn heute die Bevölkerung einer modernen Großstadt?“ ( Ders., S. 241). „Haec omnis, quam cernis, inops inhumataque turba est– „Dies ist die Schar, die keiner barg im Grabe“ (Ders., S. 489). „Sie werden nicht mehr begraben; ihre Leichen werden verbrannt; eine Zeitlang glaubten sie, daß sie sich freiwillig verbrennen „lassen“. Das war das schnell vorübergehende Zwischenstadium einer liberalen Illusion. Inops inhumataque turba; das ist eine Definition der Masse. Die Vermassung beginnt mit der Abschaffung der Beerdigung.“ (Ders., S. 241).
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