
Heute kann sich keiner mehr vorstellen, daß eine Jugendbewegung eine ganze Epoche positiv gestalten kann. Um die Wende zum 20. Jahrhundert begannen Jugendliche im gesamten deutschen Siedlungsgebiet, sich von den starren bürgerlichen Regeln zu lösen und ihr Leben selbst zu gestalten.
„Bündische Revoluzzer“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Gruppen fanden unter der Jugend so großen Anklang, daß die Bewegung immer größer wurde, und bald fanden sich unter den Erwachsenen früher Jugendbewegte, die Persönlichkeit, musischen Sinn und geistige Tiefe aus ihren jungen Jahren ins Leben mitgenommen hatten. In manchen Familien kam es vor, daß mehrere Generationen in ihrer Zeit „jugendbewegt“ waren, und ihre Kinder gerne wieder ihre Gruppen bilden ließen. Ihr Freiheitsideal verwirklichten die Jugendlichen in Hunderten kleinen Gruppen, den „Bünden“ in Österreich und in Deutschland, aber auch in Flandern und Frankreich wurden die Ideale in ähnlichen Formen übernommen.
Hinaus in die Natur
Die Jugendlichen durchlebten eine ungebundene wunderbare Zeit! Sie unternahmen Bergfahrten und Höhlenwanderungen, Felsklettereien und Wasserfahrten auf den deutschen Flüssen, Zelt und Lagerfeuer spielten eine große Rolle. Damals konnte man noch am Waldrand sein Zelt aufstellen, in Scheunen übernachten und Lagerfeuer an Felswänden anzünden. Auf Heimabenden wurde gesungen und musiziert, Gedichte und Balladen gelesen, auch Theater gespielt, der Volkstanz gepflegt, philosophische Texte vorgelesen und diskutiert; auch Poesie des eigenen Volkes aber auch persische, russische und chinesische Gedichte waren Teil der Heimabende.
Das Leben in der bündischen Jugendbewegung war ein einziges geistiges und emotionales Erlebnis-Abenteuer. Ziel war eigentlich die Hinwendung zur Innerlichkeit und zur Entfaltung der geistig-seelischen Dimensionen, aber dieses Ziel wurde nicht programmatisch auferlegt: Die Jugend kam von selber drauf.
Weg von der spießbürgerlichen Enge
Die vielfach gegliederte „Bündische Jugend“ war um 1900 als antibürgerliche Jugendbewegung gegründet worden, Traditionslinien führten auch zur Turnerschaft (Turnvater Jahn), Studentengruppen und Sängerbünden.
Die Jungen und Mädchen wollten aus der bürgerlichen Enge in eine selbstbestimmte, freiere Welt aufbrechen. Dabei spielten Erwachsene keine Rolle, die jungen Menschen blieben unter sich und entwickelten selbst, ohne Anleitung von Erwachsenen, eine natürliche Kultur der Jugend. Daß da behütete Mädchen aus bürgerlichem Haus auf gleichaltrige Jungen trafen, war kein Problem. Es entwickelte sich keineswegs eine sexuell aufgeladene Atmosphäre, der Umgang war aber auch frei von Steifheit und Prüderie. Es galt der Grundsatz „Rein bleiben, reif werden!“ Die Jugendlichen und Heranwachsenden trafen sich in selbstgestalteten Räumen zu einem „Heimabend“, der von allen gemeinsam fast wie eine Feier erlebt wurde. In manchen Städtchen stellte der Stadtrat den Gruppen Räume (etwa in einem Stadtturm) zur Verfügung, die die Jugendlichen dann renovierten und ausgestalteten. Musik war allgegenwärtig, aber natürlich nicht aus Radios oder Grammophonen, sondern selbstgemacht mit Gitarren, Geigen oder Lauten. Und selbstverständlich hatte jeder Bund einen großen Liederschatz, ein Liederbuch.
Bündische Jugend: gesund und gemeinsam leben
Alkohol und Tabak waren verpönt, Drogen waren unbekannt, Computer und Mobiltelefone gabs nicht: Gemeinschaft wuchs aus geistigen und kulturellen Beiträgen. In manchen Gruppen gab es Fahrräder für Fahrten, andere waren Turner oder bildeten einen Chor, an der See gab es Gruppen, die sich Boote bauten und darin weite Wanderfahrten unternahmen.
Die Jugendlichen kamen aus Akademikerfamilien, aus dem Bürgertum, aber durchaus auch aus den Arbeitermilieus oder aus dem Bauerntum. Vorurteile wegen der unterschiedlichen Herkunft waren unbekannt, Besitz und Geld spielte keine Rolle, alle trugen die gleiche Kluft; wichtig war die Tiefe der Persönlichkeit und das Erleben der Gemeinschaft.
Nach dem ersten Weltkrieg: Bindeglied zu deutschen Minderheitengruppen
Der „Deutsche Schulverein“ hielt nach 1918 die kulturelle Verbindung zu den vielen Minderheitsgruppen in jenen deutschen Siedlungsgebieten aufrecht, die die Pariser Vorortverträge fremdvölkischen Staaten zwangsangegliedert hatten. Böhmen, Westpreußen, Südtirol, Gebiete in Ungarn, Rumänien (Siebenbürgen), Jugoslawien (z.B. Gottschee, Marburg) waren Schwerpunkte dieser Kulturarbeit und Ziel von Fahrten. Auch im Rahmen des Alpenvereins bildeten sich „bündische“ Jugendgruppen, auch bei den Pfadfindergruppen gab es Bünde.
Jede Gruppe aus 8 bis 15 Mitgliedern gab sich einen Namen. Ein Beispiel: Der überregionale Bund „Adler und Falken“ entstand durch den Zusammenschluß zweier kleinerer Bünde. Alle trugen die traditionelle „Kluft“, die aber von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich sein konnte. Es kam oft vor, daß einige Gruppenmitglieder sich zusammentaten und einen neuen „Bund“ ausgründeten, mit jeweils wieder neuen Eigenheiten.
Am Wochenende unternahmen die Gruppen Wanderungen und kleinere Kletterfahrten, zu den vielen kleineren Schulferien traf man sich in Zeltlagern, und in den großen Ferien ging es auf „Großfahrt“ in die Berge, in ferne Länder, Skandinavien war oft das Ziel, auch Griechenland.
„Volk und Heimat“ als Selbstverständlichkeit
Leitfigur wurde der „Wandervogel“ mit dem Ideal der „Fahrt“. „Fahrt“ war alles, was von Elternhaus, Arbeitsstelle und Schule wegführte, Wanderungen, Berg, Wasser, Höhle und ferne Länder. Kunst und Schönheit, Philosophie, Volkstanz, Brauchtum, Musizieren und gemeinsames Singen waren der neue Alltag. Jegliche Klischees waren verpönt und entsprechend gab es auch keineswegs eine einheitliche politische Ausrichtung unter den Älteren, Politik wurde allgemein eher abgelehnt. Allerdings war ein Bekenntnis zu den Begriffen „Volk“ und „Heimat“ selbstverständlich und brauchte nicht betont zu werden. Denn dieses Bekenntnis war allgemein anerkannt, alle politischen Richtungen pflegten es. Selbst der „international“ gesinnte Führer der KPD Ernst Thälmann sprach es aus:
„Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation. Eine ritterliche, stolze und harte Nation. Ich bin Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische der deutschen Arbeiter und bin deshalb als ihr revolutionäres Kind später ihr revolutionärer Führer geworden.“
(Ernst Thälmann, Antwort auf Briefe eines Kerkergenossen, Berlin 1961, S. 73.) https://t.me/Barbarossa_SMGI/1960
Der Internationalismus von Thälmann bedeutete sein Bestreben, die Arbeiter aller Völker zum Kampf gegen die Internationale des Finanzkapitalismus in Stellung zu bringen; keineswegs die Ablehnung oder auch nur Vernachlässigung von Volk und Nation oder die Anerkennung eines jeden Eingeschleusten als „Deutscher“, der hier herumläuft.
Viele Kriegstoten unter der „Bündischen Jugend“
Im ersten Weltkrieg sind viele dieser Idealisten gefallen, etwa Walter Flex. Nach 1918 traten zur (stets durch geistige Tiefe unterfütterten) Wandervogelromantik – freie Gruppen, die ungezwungen, heiter und musizierend durch die Lande ziehen – Körperertüchtigung und Persönlichkeitsbildung mit dem bewußten Ziel der Elitenbildung. Diszipliniertes Auftreten nach außen war schon immer ein Zeichen der Bündischen gewesen, jetzt wurde dies betont, als „Ausdruck der inneren Zucht“. Mythen und „heilige Zeichen“ bekamen eine große Bedeutung. Übergreifendes Ziel wurde eine „Erneuerung von Volk und Reich“. Die ursprüngliche apolitische Haltung wich so einer Überlagerung mit vorpolitischen und politischen Ideen, allerdings in Freiheit und Unverbindlichkeit. Wer durch Kluft und Gitarre als „Wandervogel“ kenntlich war, konnte einer Vielzahl geistig fundierter Ordnungsvorstellungen anhängen. Konsequent wandten sich 1933 etwa ebenso viele Bündische dem nationalsozialistischen Aufbruch zu wie dem kommunistischen Widerstand.
Nach 1945: Keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr
Nach 1945 war an bündisches Erwachen zunächst nicht zu denken. In den (vom Sieger inszenierten!) Hungerjahren des „Nachkriegs“ waren alle Deutschen mit dem knappen Überleben in den zerstörten Städten ausgelastet. Erst in den 1950er Jahren bildeten sich wieder bündische Gruppen. Sie wurden allerdings vom politischen System bekämpft und zunehmend verboten. Dadurch konnte sich der bündische Geist kaum entfalten und die Gruppen selbst wandelten sich zur entschlossenen politischen Jugendbewegung, wie „Bund Heimattreuer Jugend“ oder „Wiking-Jugend“. Auch der Rückzug vom Politischen zur Pflege des reinen bündischen Lebens bewahrte die Gruppen nicht vor dem Verbot. Die zunehmende Linkswendung der Politik in der BRD und in Österreich duldete keinen Zusammenschluß, der das Bekenntnis zu Volk und Heimat als eine Selbstverständlichkeit ansah.




