
Philosophische Dechiffrierung des Films Heretic (2024)
Seit längerer Zeit habe ich mich mal wieder durchgerungen nach zwei positiven Rezensionen von Jay Dyer (und Martin Sellner (https://martinsellner.substack.com/p/heretic-and-zauberberg), einen Hollywood-Film im Kino zu schauen. Angesichts der woken ideologischen Verbrämung und Implementation von Filmkunst zu sublimer Manipulation und propagandistischer Kulturpolitik kann ich mich nur noch schwer auf Kinobesuche einlassen. Ferner stört mich die quasireligiöse Aura, die der verdunkelte Kinosaal mit seiner großen Leinwand ausstrahlt, in dem ergriffene letzte Menschen mit großen Augen die letzten Wunder der westlichen Kultur bestaunen, faszinierende Parallelwelten, die sie ihren repetitiven Hamsterrädern entreißen und für wenige Stunden ihres Konsum- und Arbeitslebens verzücken lassen. Dem platonischen Höhlenbewohner des Kinosaals wird oftmals mehr die Wahrheit verstellt oder entstellt als geöffnet. Carl Schmitts bestechende antitechnologische und (raum-)philosophische Film- und Kulturkritik kann ich hingegen nicht zur Gänze mittragen. Vielleicht bin ich auch nur noch nicht zu voller Konsequenz geneigt.
Das Für und Wider des Films
„Ich soll mir etwas vorspielen lassen, was nicht gegenwärtig, sondern photographiert ist; ich habe es nicht mit anwesenden Menschen zu tun; das Spiel wird nicht produziert, sondern mechanisch reproduziert. Das letzte Marionettentheater ist mehr als der beste Film. Weder Präsenz noch Repräsentation, schauerlich, grausig, seelen-, augen- und ohrenzerstörend. Ohne Raum, sogar den Zuschauer aufhebend, der nicht einmal sinnvoll applaudieren kann; der Höhlenbewohner des Kinos, Ausdruck ihres bereits unterirdischen Vegetierens. Raum=Präsenz. Das ist die Erwägung, ist die Erwägung, aus der heraus es mir seit zehn Jahren nicht mehr möglich ist, ein Kino zu besuchen oder und einen Spielfilm zu sehen. Damit entferne ich mich von der Wirklichkeit meiner Zeit und gewinne meinen Raum […] Ich verliere meine Zeit und gewinne meinen Raum.“ (Schmitt, Glossarium, 2015, S. 13.)
Das Lichtspielhaus in der historsichen Kritik
Hugo von Hoffmannsthals poetisch eindrucksvollen Beschreibung der parareligiösen Dimension des Lichtspiels in den 1920er Jahren kann ich mich hingegen vollumfänglich anschließen:
„Was die Leute im Kino suchen […], was alle die arbeitenden Leute im Kino suchen, ist der Ersatz für die Träume. Sie wollen ihre Phantasie mit Bildern füllen, starren Bildern, in denen sich Lebensessenz zusammenfaßt, die gleichsam aus dem Innern des Schauenden gebildet sind und die ihm an die Nieren gehen. Denn solche Bilder bleibt ihnen das Leben schuldig. […] Diese ganze unterirdische Vegetation bebt bis in ihren dunkelsten Wurzelgrund, während die Augen von dem flimmenden Film das tausendfältige Bild des Lebens ablesen. Ja dieser dunkle Wurzelgrund des Lebens, er, die Regionen, wo das Individuum aufhört Individuum zu sein, er, den so selten ein Wort erreicht, kaum das Wort des Gebetes oder das Gestammel der Liebe, er betet mit. Von ihr aber geht das geheimste oder tiefste aller Gefühle aus: die Ahnung der Unzerstörbarkeit, der Glaube an die Notwendigkeit und die Verachtung des bloß Wirklichen, das nur zufällig da ist. Von ihm, wenn er einmal in Schwingung gerät, geht das aus, was wir Gewalt der Mythenbildung nennen. Vor diesem dunklen Blick aus der Tiefe des Wesens entsteht blitzartig das Symbol: das sinnliche Bild für geistige Wahrheit, die der Ratio unerreichbar ist.“
Ausnahmestellung des Films „Heretic“
Besondere Suggestivkraft geht von einem Film aus, der nach dem »state of the art« produziert wurde und zugleich die dunklen Regionen der menschlichen Psyche zu öffnen sucht, in denen sich der wirkliche Glaube, nicht bloß die gewaltige Mythenbildung vollzieht. Wenngleich dem Horror-Genre nicht die Qualität der Geschichtlichkeit eignet, die den Zuschauer wirklich tief innerlich ergreifen und fortdauernd geistig-moralisch prägen kann, wie etwa die berühmte Herr der Ringe-Trilogie, erlaubt es doch eine spannungsgetriebene Fesselung an den Erzählstoff, in dem Fall von Heretic an die beinahe religionswissenschaftlichen Inhalte, die in langen, niemals künstlich überladenen Dialogen zwischen dem sinisteren Mr. Reed und den mormonischen Schwestern Barnes und Paxton verpackt sind.
Der Film setzt in der landschaftlichen Idylle des Mid West? ein und konfrontiert die jugendlichen Freundinnen und Mormonenschwestern, die sich auf gemeinsamer Mission befinden mit der oberflächlichen säkularen Sexualmoral des Amerikas und freien Westens unserer Zeit. Humoristisch erzählen sich die Mädchen von den gigantomanischen Ansprüchen des modernen Sexkultes an die Geschlechtsteilgröße und der inflationierten sexuelle Reizung im Land des Grenzenlosen und der Extreme. Durch das ulkig erscheinende Gespräch wird der Eindruck der Unzeitgemäßheit des Mormonenkultes hervorgerufen, selbst dessen Missionarinnen sich ein wenig pietätlos über derartige Intima unterhalten. Hier wird vom Regisseur bereits ein aufklaffender Widerspruch in der Haltung der Mormonen zur Frage der Sexualität geöffnet, der im weiteren Ablauf des Films wiederholt geweitet wird. Auf der Rückseite der durch den Kameraschwenk gezeigten Rückseite der Panoramabank, auf der die beiden Mädchen bei ihrer Unterhaltung sitzen, wird ironisierend der Werbespruch einer Kondommarke „Does Size really matter?“ eingeblendet.
Frage der christlichen Doppelmoral, verpackt in unterhaltsame Dialoge
Typischer amerikanischer Sitcom-Humor, aber Geduld lohnt. Ein im urbanen Kontext unmittelbar angeschlossenes Gespräch der beiden Mitschwestern führt die Frage der Sexualität am Beispiel der Pornographie fort. Schwester Paxton erzählt von der Schau eines Amateur-Pornofilms, in dem die Nachbarn urplötzlich an die Wand hämmern und von der ekstatisch schreienden Darstellerin nachdrücklich Ruhe einfordern. In diesem Moment vergewissert sich die Pornodarstellerin erstmalig ihrer seelisch prekären Situation der ihren Körper kommerzialisierenden, zur Befriedigung wildfremder Männer dienenden Sexvor- und Verführung. Sie wird in diesem Moment der Sozialinadäquanz ihres Verhaltens, des Erwischtwerdens, mit ihrer verloren gegangenen Scham konfrontiert, die unausrottbar in den Tiefen ihrer Seele fortgelebt hat, verdrängt und gepeinigt, aber beharrlich persistierend. Paxton schildert eindrücklich die aus ihren Augen hervorschießende Qual, die Pein über die gefühlte Selbsterniedrigung durch die schamlose Darbietung ihres Körpers zum Lustobjekt für männliche Voyeure. Paxton ist sich sicher, dass sie in den Augen dieser bemitleidenswerten Frau einen Beweis Gottes erblickt hat. Dadurch wird dem Zuschauer indirekt vermittelt, dass sich bei aufmerksamer Lebensführung und Festigung im Glauben Zeichen der Gottesexistenz dem Gläubigen bieten werden. Ferner wird demonstriert, dass eine Religion vor bedrängenden gesellschaftlichen Themen wie Pornografie und auch Pornographiesucht nicht zurückschrecken darf, sondern hierauf adäquate Antworten geben muss, um diesen Problemen theoretische Positionen entgegenhalten zu können, aber auch praktisch die eigenen Gläubigen im Glauben zu bestärken und vor Abfall in die Versuchungen der säkularen Gesellschaft zu bewahren.
Als Schwester Barnes ihre Mitschwester kritisch über einen etwaigen regelmäßigen Pornokonsum befragt, ist diese sichtbar beschämt. Ihre leichte Überreaktion auf die unerwartete Frage lässt indes ein wenig an der Glaubwürdigkeit der Antwort zweifeln, womit erneut eine kleine Schneise in die mormonische Glaubenshaltung und deren Integrität geschlagen wird.
Als die Mädchen ihre Fahrräder auf dem Weg zu ihren Missionszielen hochtragen, betont die eine scherzhaft den zu erwartenden Verdienst eines keuschen und gottesfürchtigen Ehemanns für das mühsame Hochtragen ihrer Fahrräder über lange Treppenwege. Auf offener Straße ignorieren die meisten Passanten ihre unbeholfenen Missionsversuche. Eine Gruppe junger, schamloser und selbstbewusst den öffentlichen Raum okkupierender Mädchen, die auf dem Zebrastreifen voyeuristisch wie fahrendes Volk Tanz und Gesang aufführen, rennen auf die moderat gekleideten Schwestern zu, nachdem Paxton insgeheime Bewunderung für diesen liberalen und lasziven Lebensentwurf solcher leichter Mädchen geäußert hat, ohne diese jedoch zu beneiden. Die Mädchen geben vor, ein Foto mit den als solche ersichtlichen Mormonenschwestern zu wünschen. Plötzlich reißt eine den züchtigen Rock von Schwester Paxton runter, um sich über ihre „magische Unterwäsche“ zu mokieren. Mit diesem Ausdruck wird das Tempelgewand mancher Mormonen bezeichnet, das sie nach einer geweihten Handlung tragen müssen. Schwester Paxton reagiert entblößt und beschämt, ist entsetzt über die Dreistigkeit der gemeinen Straßenmädchen.
Marginalisierte Sonderstellung der Moromonen in den USA
Die im amerikanischen Mainstream verlachten Mormonen nehmen eine marginalisierte Stellung ein, werden dadurch in ihrem Glauben versucht. Die Schwestern besprechen diese randständige Position ihres Kultes vor dem Haus von Mr. Reed, einem mit der „Kirche Joseph Smiths“ korrespondierenden Interessenten, den sie zu einem Bekehrungstermin aufsuchen. Die von Paxton geäußerten Minderwertigkeitsgefühle beschwichtigt Schwester Barnes durch die Versicherung ihrer schwesterlichen Liebe zu ihrer Freundin. Die beiden Mädchen hält eine innige, vom gemeinsamen Glauben getragene und erfüllte Freundschaft zusammen, in der sie sich wie gute Schwestern in ihren Anfechtungen beistehen. Äußere (Diffamierung) und innere Zweifel beeinträchtigen den Selbstwert der Schwestern, ihr Sektenzusammenhalt wird dadurch aber zugleich bestärkt, weil sie gezwungen sind ihre Position intern abzusichern – eine klassische Sektendynamik, die aber auch auf die wahre Kirche zutreffen kann. Je mehr Anfechtung, desto tiefer muss der Glaube wurzeln. Ihre Gespräche und Beziehung berühren zu Anfang des Films bereits wiederholt die Themen Glaubenszweifel, (sicheres) Wissen um Gott, die Zugehörigkeit zu einer wahren Kirche und vor allem die Scham als Beweis der Existenz menschlicher Seelen und Gottes.
Mr. Reed lockt die beiden im Ungewitter – Zeus lässt donnernd grüßen – nach dem Klingeln vor seiner Tür stehenden Schwestern, die sich kurz vorher gegenseitig Mut zusprachen, durch geschickte Vorwände und mit Humor in sein hochgesichertes, von der Außenwelt abgeschirmtes Haus. Er hält ihnen entscheiden das Marketing und den Kommerzialismus der religiösen Bewegungen, insbesondere des Mormonentums, vor, als sie ihre auswendig gelernten Apologetikparolen vor ihm in eingeübter, noch nicht tief verinnerlichter Frömmigkeit abspulen. Die Wiederherstellung des Menschen als mormonischer Religionsbegriff wird Mr. Reed vorgestellt.
Pronatalismus und Mormonenkult
Als die Missionarinnen eine Mitbewohnerin als Anstandsdame erbitten, könnte der amerikanisierte Zuschauer sich über den prüden, aus der Zeit gefallenen Moralbegriff amüsieren. Lacher im Kinopublikum bleiben jedoch aus. Mr. Reed bezeichnet seine im Hinterzimmer vermeintlich einen Kuchen zubereitende Frau als Seelenverwandte, ein kleiner Hinweis auf die Sakralität der Ehe. „Es ist gut religiös zu sein“, sagt Mr. Reed plötzlich. Eine ungewöhnliche Botschaft in einem modernen Film über das Religionsthema. Die Religion als solche verblasse nach Zustimmung beider Diskussionsparteien indes mit der Zeit, büße ihre gesellschaftliche Bedeutung in der säkularen amerikanischen Kultur ein. Mit derartigen Zugeständnissen beginnt Mr. Reed die beiden um die Finger zu wickeln und simuliert zugleich persönliches Interesse an seinen Gesprächspartnern, die er offenbar ebenbürtig trotz der Alters- und Wissensdiskrepanz behandelt. Paxton äußert leicht peinlich berührt den Stereotyp einer innerhalb des Bible-Belt lebenden Mid-West-Familie im pronatalistischen Mormonenkult, eine von 8 Töchtern zu sein.
Reed entgegnet ihnen, wie wichtig es sei eine Lehre zu finden, an die man tatsächlich glaubt. Die Festigkeit ihres Glaubens wird er versuchen wie der große Versucher, der Satan. Was ist die einzige wahre Religion? Mit vorgetäuschter spiritueller Neugierde und Sophisterei beginnt er die Schwestern zu verunsichern. Sie können nur reserviert reagieren mit ihrer phraseologischen Apologetik, die zunächst inhaltliche Tiefe und argumentative Substanz vermissen lässt. Reed deckt Widersprüche auf, ist bemüht um eine kritische Diskussion, die indes keineswegs aus seiner Sicht erkenntnisoffen geführt ist, obgleich er dies insinuiert. Er agiert durchgängig als intriganter Manipulator, erschleicht sich formale Einwilligungen der Mädchen für das Wegbringen ihrer Mäntel und die Metallabdichtung seiner Wände, die jeden Mobilfunk abschirmen, worauf er indes nicht direkt hinweist – ein gutes Beispiel für die Halbinformationen, mit denen er sich Einwilligungen erschleicht und formaliter das Prinzip des freien Willens, für das er keine epistemische und metaphysische Rechtfertigung abgeben kann, zu wahren. Allgemein ist die Apologetik auf philosophisch prekärem Niveau in dem Film, indessen einige gute Argumente durchdringen.
Gefangenschaft in isolierten Glaubengemeinschaften
Die Kamera schwenkt inzwischen auf einen in einen Bildrahmen eingefassten Spruch: „Bless this Mess“, der auf die Affirmation des Chaos, der Unordnung, in okkulten Lehren wie etwa der Chaosmagie und auf das freimaurerische Prinzip „Ordo Ab Chao“ verweist, eine erste Andeutung der unheimlichen Spiritualität des Gastgebers. Zudem richtet sich der Fokus auf im Wasser und in einer Lampe befindliche und gefangene Schmetterlinge. Mit dieser Symbolik wird die Gefangenheit der Schwestern symbolisiert und das Motiv des Schmetterlingstraum angeführt. Verbalisiert wird es zuerst, als Schwester Paxton mit rührseliger Kindlichkeit mitteilt: »Wenn ich strebe, will ich zurückkehren als Schmetterling. Dann lande ich auf den Fingerspitzen eines geliebten Menschen, um ihnen zu zeigen, dass ich sie liebe, dass Gott existiert und ich in ihm ewig fortlebe«.
Reed eröffnet den Mädchen daraufhin halbironisch klingend, es sei nun „Zeit für Erleuchtung“ – eine okkulte esoterische Anspielung auf den Illuminismus, der eine religiöse Erleuchtung durch geheimes Wissen qua Initiation verspricht, das durch ritualisierte, schwierige Prüfungen des Initianten erworben werden muss. Solche Prüfungen sind etwa die verschiedenen Gradprüfungen, die ein Freimaurer zu durchlaufen hat und in denen er sich zunehmend mit gnostischem Wissen erleuchtet und der Wahrheit nähert.
Mit einer „peinlichen Frage“ weist Mr. Reed erneut auf das Motiv der Scham hin. Unangenehme eklige taktlose Fragen würde er nur zwecks größerer Tiefe der Unterhaltung stellen. Hieran zeigt sich zum wiederholten Male die vorgetäuschte Einwilligungsmöglichkeit, das gezielte Spiel mit der jugendlichen Neugier. Humor dient als Taktik zur Besänftigung.
Polygamie und christliche Sekten
„Was halten sie von Polygamie?“ fragt Mr. Reed sichtlich gespannt. Dessen Vorwurf der Praxis eines Religionsverkaufs durch gezielte Mitgliederanwerbekampagnen, die unehrlich als Mission kaschiert würden, haben sie wenig entgegenzusetzen, vor allem als Mr. Reed die historische Praxis der Polygamie im 19. Jahrhundert anspricht, die Barnes, die deutlich selbstsicherere unter den Schwestern, unter das Vorzeichen der Mitgliedervermehrung zwecks Existenzwahrung der Mormonen in harten Zeiten stellte. Mr. Reed eröffnet einige Hinweise auf die sexuelle Promiskuitivität und Frauenausbeutung des Kultgründers Joseph Smith, der nur seine außereheliche Affäre theologisch legitimieren wollte.
Den internen moraltheologischen Widerspruch der Mormonischen Lehre können sie nicht entwinden. Dass Männer mehrere Frauen beanspruchen, eine heutzutage unvermittelbare chauvinistische Forderung, wird durch eine moderne Auslegung der Mormonen zurückgewiesen. Die kontroverse Praxis erschwert die Mitglieder-Anwerbung. Auf diesen offensichtlichen Opportunismus können die Schwestern wenig entgegnen. Der schwache Versuch der Gegenargumentation ist historistisch, rekurriert auf notwendiges Gemeinschaftswachstum und Fortpflanzung. Joseph Smith kaschierte sexuelle Affairen und Degeneration und demonstrierte somit die Instrumentalisierung der Offenbarung. Mormonische Polygamie habe Reed zufolge niemals eine spirituelle Grundlage gehabt.
Reed schließt typisch für seine manipulative Diskursstrategie einen zynischen Gehirnwäschevorstoß an dieses berechtigte Argument. Der Mensch sei fehlerhaft und sündig – woher nimmt er dieses Wissen?! -, ergo könne er göttlich inspirierte Offenbarung nur fehlerhaft an den Menschen übermitteln. Hierbei verkennt er die christliche Lehre von der heilsökonomischen Wirkung des Heiligen Geistes, der die Sündigkeit des Menschen im Moment der Niederschrift der Offenbarung überkommt.
Aus dieser fehlerhaften These bringt Reed die Mädchen zu akzeptieren, nur die persönliche Beziehung zählt, ein „non sequitur“. Die protestantische Schlussfolgerung wird nicht weiter hinterfragt, etwa nach welchen objektiven Kriterien die spirituellen Erfahrungen wirklich göttlich sind oder wie ein verlässlicher Schriftkanon zustande kommt, heilnotwendige Sakramente gespendet werden können oder die Kontinuität der sichtbaren und unsichtbaren Kirche (kirchengeschichtlich und epistemisch) gerechtfertigt werden kann.
Pornographie von Fastfood: Konumgewohnheiten
In einer kurzen Erwähnung sämtlicher Fastfood-Marken wird Taco Bell (wegen Schwester Barnes‘ später eingestandener Vergiftung?) im Gespräch tabuisiert. Die zynische Allegorie geht dahin, dass Religion wie Fastfood in der kapitalistisch-liberalen Gesellschaft konsumiert werde. Reed spielt erneut auf eine sexuelle Handlung an, wenn er ein Wortspiel zur Fastfood-Marke Wendy’s macht: „Ich hatte noch nie so ne Wendy.“ Hierdurch, wie auch durch die taktlosen Witze über die tödliche Krankheit von Barnes‘ Vater (Ist er durch die Blueberry-Pie-Krankheit gestorben? Dadurch wird der spätere Tod der „Prophetin“ vorweggenommen.) testet er schamlos inkrementalistisch, wie weit er mit ihnen gehen kann, ohne dass sie entrüstet oder verängstigt sein Haus verlassen wollen. Schließlich dient dies rücksichtslose, dreiste Vorgehen dazu, ihnen am Schluss die eigene Kontrollierbarkeit und psychische Schwäche, besonders gegenüber einem starken, alten, weißen Mann vorzuführen, um damit ihr ganzes bisheriges Weltbild, das auf solchen autoritären Wissensvermittlungen beruhe, zu erschüttern und sie in seinen Kult zu locken.
Seine vorläufige Konklusion an diesem Punkt lautet, dass bei apologetischer Auseinandersetzung die persönliche Beziehung zu Gott gestärkt werde. Mr. Reed inszeniert sich pathetisch und ernsthaft als religiösen Suchenden mit intrinsischem Wahrheitstrieb. Die Eigenschaft der Wahrheitsliebe sei zentral, auch wenn Reed sie selbst sich nicht ausgesucht hat. Barnes Blickfang erfasst die von Reed aufgestellte Duftkerze mit dem ihren Gesichtern vorerst abgewandten Schriftzug „Fake Blue Berry Pie“, den sie auf dem Tisch zu sich hindreht. So langsam durchschauen sie das sinistere Spiel ihres religiös versierten Gastgebers. Alles wird gut, reden sie sich ein. Das hoffende Gottvertrauen auf ein gutes Ende ist ein weiteres wiederholtes Motiv des Films.
Bei der Konfrontation im Hinterzimmer, das die Mädchen nach Erfassung des abgeriegelten Hauses betreten, akzentuiert Mr. Reed erstmals ausdrücklich die vermeintlich freie Entscheidung, die er ihnen immer offengelassen habe, seitdem sie sein Haus betreten haben. Es habe zu keinem Zeitpunkt jemanden unter Druck gesetzt. Reed negiert jede Bedrängung. Angeblich habe er für alles eine Einwilligung erlangt, de facto hat er sie eher erschlichen. Nach eigener Aussage gebe es eine totale (nur formale) Freiheit, de facto herrscht in seinem Haus überall Kontrolle. Er stellt die Schwestern nun erstmals direkt und nicht mehr indirekt vor eine Wahl. „Welche Tür führt uns nach draußen?“ „Sollten wir eine Präferenz zur Entscheidung haben?“ Souverän ist, wer über Gottes Existenz entscheidet. Die Entscheidung für den Glauben oder den Unglauben wird durch zwei separate Türen symbolisiert. Die beiden appellieren in einem letzten Versuch, der Situation dieses sinisteren Spiels zu entkommen, auch an Regeln und Abmachungen als Basis menschlicher Interaktion, hatten sie doch von vornherein auf die Bedingung einer weiblichen Anstandsdame beharrt. „Glauben sie immer noch, dass meine Frau im Zimmer nebenan ist?“ fragt Reed zynisch zurück. »Glauben sie an Gott nur wegen Kontrolle und Suggestion?« schwingt als Frage zugleich implizit mit? »Glauben Sie nur aus Angst vor großer Wahrheit, um der harten Tatsache der Nichtexistenz Gottes zu entfliehen?«
Die offene Flanke des christlichen Glaubens: Theodizee
Um die beiden von ihrem Gottesglauben zu bringen, wirft er nun die Frage der Theodizee in den Ring. Er instrumentalisiert die Geschichte von Barnes gestorbenem Vater und dessen vermeintlich unnötigen Leides. Auf Paxtons taktisch zur Entschärfung vorgebrachte Frage, wer das eigenartig eingerichtete Haus voller Bücherwände und rustikaler Holzmöbel gestaltet hätte, antwortet er erneut dreist mit einer Lüge, dass es seine Frau getan hätte. Er streut ihnen gaslightend mal die bewusst zugeschnittene, teils nur halbe Wahrheit, dazwischen aber immer wieder dreiste Lügen aus, um sie mit dieser Mischung aus Lüge und Wahrheit zu angeblich freien Entscheidungen zu seinen Gunsten zu veranlassen. Die vermeintliche Freiheit sein Haus jederzeit verlassen zu können, wird permanent nur vorgespiegelt und von den Schwestern angenommen trotz gegensätzlicher Informationen und erdrückender Indizien. Scheinbar wollen sie, besonders die schüchterne und ängstliche Schwester Paxton, noch nicht an die brutale Wahrheit der Gefangenheit in den Klauen dieses wahnsinnigen Versuchers glauben. Glaube, Willen und Wissen hängen eben zusammen. Die Macht der äußeren Kontrolle zwingt implizit zum Glauben. Die gezeigten Türen führen entgegen Reeds falschem Versprechen in den düsteren Keller, nicht zum Gartenausgang.
Nachdem die Schwestern sich einig werden über die tatsächliche Lage, rät er ihnen eine sorgfältige Abwägung, ob die Schwestern Reeds Hilfe erbitten sollen. Sie entscheiden sich (aus Verzweiflung für das angebotene Wissen des erwiesenen Lügners. Die einfache Entscheidung (des Glaubens) sollten sie nicht einfach machen sollen, so Reed. Dann präsentiert er ihnen seine »Hilfe«:
Religionen als Spiele wie Monopoly
Er wählt erneut eine Allegorie als Stilmittel seiner Botschaftsübermittlung, wahrscheinlich um besonders überzeugend und anschaulich zu wirken. Das berühmte Gesellschaftsspiel Monopoly werde in 140 Länder vertrieben, nachdem die eigentliche Erfinderin durch einen das Original plagiierenden Betrüger überrumpelt wurde. Der weiße, raffige und raffinierte Mann wird auf Kosten einer hilflosen Frau reich im amerikanischen Kapitalismus und Konsumismus. Mit einer Musikplagiatsallegorie dringt dieselbe Botschaft des Religions-Faking in die Ohren der Schwestern. Ihre Ohren werden selbst mit raffinierter Propaganda zugestopft.
Religionen sind Spiele, die Reed alle zu Ende durchspielt habe, die meisten Massenmenschen aber nie. Die Spiele genauso wie die Songs seien eine Allegorie für die Variationen, die die verschiedenen Religionen darstellen, Variationen einer einzigen mythischen Ursprungsgeschichte aus lange vergangener Zeit, die Reed an keiner Stelle verrät, sondern die letztlich nur bildlich angedeutet werden mit okkulten Symbolen.
Diese Wahrheit wird den Mädchen den Magen umdrehen, Übelkeit erregen. Reed vermittelt die leiblichen Implikationen der geistigen Erkenntnis, die bis zum Todestrieb und -wunsch reichen können.
Christentum als verwässertes Judentum
Der Film lässt dem Betrachter offen, ob das laustarke Abspielen von Musik eine auch unterbewusste Beeinflussung der Protagonistinnen durch Musik veranschaulichen soll. Die drei Monotheistischen sind Religionen angeblich gleich. Das Judentum ist das Original, das Christentum die beliebteste, der Islam die neuste, zweit beliebteste Ausgabe. Daran schließt Mr. Reed die (erneut) beschämende Pointe einer Humiliation der „Spin-off-Ausgabe“ des Mormonentums.
Hier unterliegt er dem von Schwester Barnes durchschauten Fehlschluss, dass Religionsausgaben gleich sind wie Musikplagiate und Spielimitate. Das Christentum sei eine Verwässerung des Originals, des Judentums, das nur weil angeblich original, ergo wahr sein müsse und eigentlich mehr Mitglieder haben sollte. Diese implizite Präferenz Reeds für das Judentum lässt den aufmerksamen Zuschauer aufmerken. Dabei operiert der große Religionskenner selber mit einer kommerziellen Analogie, als wären Religionen originale Produkte, die sich wegen ihrer Originalität besser verkaufen müssten als die Kopien. Letztlich zieht das Argument der Originalität nur, wenn auf eine originäre, absolute Wahrheit verwiesen wird, die der religiöse Con-Artist an keiner Stelle epistemisch gesichert und kohärent vortragen wird. Barnes bestreitet selbstsicher die Vergleichbarkeit von Brettspielen, Musik und Religion.
Reed geriert sich selber (zynisch) als Verkäufer, gibt vor eine Verhandlung über die Transaktion von Ideologien mit seinen Gefangenen zu führen. Reed will seine „Idee“ verkaufen. Ideenhändler kämpfen dieser Ansicht nach um Macht, Kontrolle und Suggestivkraft bei den »Normies«. Die vermeintlich gleiche Geschichte von Jesus von Nazareth wäre schon seit 1000 Jahren 12 Mal wiederholt worden. Horus, Mithras, Phrishna seien nur wenige Beispiele von diesen immer gleichen Sagen; letzterer sei ebenso wie Jesus getauft, gestorben, auferstanden. 12 Christus-Präfiguratoren gingen diesem voraus und beeinflussten angeblich den Jesus Mythos, ohne dass Reed diese Einflüsse näher begründete. Selbst ein heute nur popkulturell verehrter Star Wars-Protagonist werde zukünftig in 1000 Jahren vergöttlicht werden. Er weist den Zuschauer dadurch auf das populäre religiöse Engineering hin, wie es auch im Film Dune thematisiert wird. Religionen seien nur infantile Verklärungen und Verabsolutierungen von Mythen, Märchen, letztlich einer verlorengegangenen Urwahrheit, eines einzigen Urmythos. Dabei fungieren sie für die in letzter Instanz spirituell Herrschenden als Opium fürs Volk (Marx).
Die Bedeutung von Gott und Kirche für die Weltsicht
Mr. Reed zaubert einen weiteren Verkaufstrick aus dem Ärmel, einen Emotionalisierungs-, und Schockeffekt: Dass Gott nicht existiert sei „unheimlich. Ich habe Angst, das laut auszusprechen“. Verbot von Homosexualität, Sodomie und Masturbation seien angeblich Zeichen für die Bosheit Gottes. Einen moraltheologischen oder philosophischen Standard für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse sowie die epistemische Herleitung dieser moralischen Kategorie als solche liefert er natürlich als Pop-Apologet und okkulter Spin-Doktor nicht. Auf der anderen Hand sei die Nicht-Existenz Gottes auch sehr erschreckend, weil dann alles sinnlos werde, wir Menschen zufällig entstehen und dann genau so zufällig in der Form von Staub wieder zerfallen.
»Entweder ist die Kirche alles, oder alles (Leben und Welt) ist unbedeutend und sinnlos.« Mr. Reed überzeugt die Mädchen von der Zentralität der Religion und ihrer Wahrhaftigkeit für die eigene Sinnfindung in ihrem Leben. Entweder sind alle Bestandteile einer Religion (hier des Mormonentums) wahr oder nichts davon. Ist das so generell formuliert nicht ein Fehlschluss? Wenn man an eine Religion glauben soll und will, dann jedenfalls muss alles wahr sein, sonst ist es nur ein Cope, Irrtum oder eine Selbsttäuschung, dem unwahrhaftigen Glauben weiter anzuhangen. Aus Metaperspektive können einzelne Religionen Teilwahrheiten der einen christlichen orthodoxen Wahrheit enthalten. Interessant ist jedoch für den aufgeklärten stereotypen Adressaten des Films, dass Glauben und Wissen nicht mehr dualistisch voneinander getrennt werden, wie es die säkularisierende moderne Philosophie und Naturwissenschaft postuliert, sondern in der Frage der Religion nur zusammen zu denken sind. Dies billigt der Religion ihre im Mainstream eingebüßte Rationalität wieder zu und kommt erfrischend unerwartet.
Die Schwestern wissen nicht recht, wie sie auf Mr. Reeds Apologetik reagieren sollen. Die Aufforderung ihren Glauben zu überdenken löst einen inneren Konflikt aus: Pragmatismus, um schnellstmöglich der Situation zu entfliehen vs. Wahrheitsentscheidung?
Religionen als Farce
Alle 10000 Religionen seien unecht, nur eine Farce, wird ihnen erneut eingetrichtert zwecks Verunsicherung und Beeinträchtigung ihrer Entscheidungswahl. Reed setzte ihnen einen Zwang zur Entscheidung vor der Beantwortung der Frage, ob die Schwestern die Hilfe Mr. Reed’s beanspruchen sollen. Dadurch will er ihnen Entscheidungsfreiheit suggerieren, ihren freien Willen formal zugestehen, obwohl er letztlich alles vorhersieht, plant und einkalkuliert, wobei sich am Ende alle Voraussagungen und Planungen zur Manipulation bewahrheiten, obgleich die Schwestern seine Tricks zu durchschauen beginnen. Hierin kann auch eine Kritik an der christlichen Lehre von der Willensfreiheit des Menschen liegen, die letztlich nur Freiheit in den positiven Bahnen göttlicher Schöpfung und Vorsehung gewährt und letztlich zwischen zwei Optionen: Richtig oder Falsch, Wahr oder Unwahr, Gut oder Böse Entscheidungsräume belässt. Die Treffung der Wahl wird von Gott mit vorausgesehen und kann somit in ihrer totalen Freiheit im Sinne radikaler, kreativer Selbstbestimmung bezweifelt werden.
Mr. Reed beobachtet alles. Er studiert jede Regung und Äußerung der Schwestern psychologisch, macht sich sogar Notizen. Er will die totale Kontrolle unter Vorspiegelung falscher Freiheit. Barnes nimmt erneut Reeds Argumentation aufs Korn: Die 0,2% des Anteils der Juden an der Weltbevölkerung ignoriere den Holocaust. Was die Mädchen nicht erkennen ist außerdem, dass er einen Quantitätsfehlschluss tätigt und zwar derart, dass quantitative Religionszugehörigkeit in irgendeiner Weise mit der Wahrheit ihrer Lehren korreliere. Muslime glaubten zudem nicht an Jesus als Messias und Sohn Gottes. Horus trage außerdem einen Vogelkopf? Die maßgeblichen Ungleichheiten zwischen den Mythen selber und der Jesus-Geschichte würden ignoriert.
Barnes meint daraufhin zunächst, der Glaube spiele keine Rolle, dennoch entscheidet sie sich im Spiel um Leben und Tod für eine ehrliche Entscheidung für die Wahrheit, wobei sie wohl auch dadurch beeinflusst wird, dass sie Reeds Absichten durchschaut, sie wirklich überzeugen zu wollen; dass es bei seinem sinisteren Spiel zumindest bis zu einem gewissen Grad um die Wahrheit geht. (Widersprüche Ausdruck inneren Kampfes). Sie legt sich in die Hand Gottes.
Das Schauspiel der Reinkarnation
Die Schwestern schreiten durch die Tür des Glaubens und legen sich in die Hand Gottes. Nachdem sie im Kellerraum eingeschlossen werden, erkennt sie die intellektuelle Bedrohung, die sie im geistigen Kampf für Mr. Reed darstellen können.
Mr. Reed »staget« nun eine „Prophezeiung“ einer von ihm gefangen gehaltenen alten und abgemagerten Frau, die er durch einen vergifteten Blaubeerkuchen erst töten und dann von den Toten zurückholen will. Er simuliert blasphemisch die christliche Auferstehung, die Überwindung des und Rückkehr von dem Tod. Seine zur Puppe herabgestufte „Prophetin“ verkündet in ihrer „Prophezeiung“ die Schau eines Dirigenten, Engels, das Gefühl der Dissoziation und hängt an den Schluss ihrer Prophezeiung den Satz, „es ist nicht real“. 3 Varianten der Aussage drängen sich auf: (1) dass die Vision im Traum oder (2) das Leben als solches der (nahtoderfahrenden) Träumenden „nicht real“ wäre oder (3) dass Mr. Reeds Wunder gefälscht ist durch Austausch der Frauenkörper.
“Ich kann ihnen Gott zeigen, wenn sie bereit sind zu sterben.” Verspricht ihnen Reed nach seiner Befragung der soeben wahrgenommenen „Auferstehung“ und „Prophezeiung“. Wie Propheten würden sie garantiert ins Leben nach der Tötung durch Reed von diesem wieder zurückgebracht. Er will die Mädchen zum Tod lenken im bei ihnen evozierten Glauben, durch Selbstmord endgültige Wahrheit über die Existenz Gottes zu erlangen. Der verwandte Gedanke taucht in Dostojewskis Dämonen auf, dass man als wahrer Revolutionär sterben muss um zu beweisen, dass Gott nicht existiert und die eigene Philosophie wahr ist. Das Umgekehrte sollen angeblich die Suizidenten Reeds tun, nämlich im Glauben an die Existenz des von Reed versicherten Gottes sterben, dann aber vom Tod sogar zurückkommen. Er strebt die artifizielle Kreation eines eigenen Märtyrertums an.
Märtyrertum als letzter Beweis der Gläubigkeit
Die Überzeugung vom Glauben erreicht ihren Höhepunkt im Moment der freiwilligen Bereitschaft zum Erleiden des Todes. Hier wird aber eher ein freiwilliger Selbsttod und nicht ein äußerer Zwang den Glauben abzulegen, auferlegt, insofern handelt es sich um eine Perversion des christlichen Märtyrertodes. Dostojewskis Gedanke scheint hervor, dass die überzeugungsgetragene Selbsttötung des Begründers einer neuen Religion diese mythifiziert und zu einem massenwirksamen Kult macht. Der Kultbegründer wird dadurch zum professionellen Faith-Engineer, zum propagandistischen Multiplikator seiner »neuen Religion«. Mr. Reed ist ein solcher Religious Engineer, der indes experimentell, um diese Wahrheit spielerisch diabolisch zu verpacken, seine Opfer zum Sterben mit subversiven, sublim wirkenden Informationen drängt.
„Sie wollen die Absicht uns selbst zu töten für unseren Glauben als unsere Idee darstellen.“ erkennt Barnes scharfsinnig und etwas zu sassy und schlagfertig, um glaubhaft wirken zu können. Dostojewskis Begriff der großen Idee, für die man zu sterben bereit ist, klingt erneut an. Im Kult, in Sekten und vergleichbaren Aktionskreisen gibt es immer verschiedene Ebenen: einmal die Gläubigen tötungs- und todesbereiten ausführenden Organe, und über ihnen die kraft Wissens überlegenen Konstrukteure und Religionsarchitekten, die Baumeister des Glaubens, die letztlich nur mächtige Kontrolleure sind. Mr. Reeds Verhalten erschöpft sich letztlich in totaler Kontrolle, totalem Gaslighting; Glaube und Kult sind nur Mittel dazu. Letztlich bezweckt der »erleuchtete« Mr. Reed, der Kultführer, den reinen Willen zur Macht um seiner selbst willen (Nietzscheanisches Motiv des Films), aber auch zur Selbsterhöhung, Beherrschung und Unterwerfung anderer, die den eigenen Machtrausch steigern; das pathetische Ergriffensein im eigenen Machtwillen, die Einheit von Pathos und Thymos.
Die Nahtoderfahrung sei indes nicht gleichzusetzen mit der Rückkehr vom Tod und einer Prophezeiung, entgegnet wiederum Barnes. Sie äußert den Einwand gegen das Fake-Wunder, dass im sauerstoffunterversorgten Hirn Halluzinationen hervorgerufen würden. Ihre Nahtodhypothese wird sich noch als falsch erweisen. Reeds böses und manipulatives Handeln ist geboren aus der Unfähigkeit und dem Unwillen an das Gute, Schöne, Wahre zu glauben, der den Satanisten zu Luzifer führt.
Nahtoderlebnisse als Gottesbeweis?
Mr. Reeds Simulationstheorie bzw. erkenntnistheoretische Wahrnehmungskritik verbindet er mit dem Argument, Erinnerung sei immer nur eine Erinnerung, an eine Erinnerung der Erinnerung der Erinnerung (ad finitum). Das Wunder als Nahtoderfahrung zu erfassen sei Barnes subjektive und falsche Korrelation mit der eigenen vergangenen Erfahrung, deren Zeuge sie (Barnes) aus eigener verzerrter Perspektive bei jemand anderen jetzt vorgeblich geworden ist. Der aktuelle Beweis des Wunders sei aber gerade jetzt passiert, deshalb trüge sie die subjektiv verzerrte und durch verstrichene Zeit mediatisierte Erinnerung.
Nachdem Reed in der verschärften Auseinandersetzung mit Barnes dieser die Kehle aufschlitzt und dadurch tötet, erklärt er ihre Unmöglichkeit der Einlösung seines Versprechens, sie vom Tod wiederzuerwachen mit dem daoistischen Schmetterlingstraum. Chuang Tzus beschreibt das Leben der Seele im Schlaf in seiner Abhandlung „Verstrickungen der Außenwelt“.
„Im Schlafe pflegt die Seele Verkehr. Im Wachen öffnet sich das körperliche Leben wieder und beschäftigt sich mit dem, was ihm begegnet, und die widerstreitenden Gefühle erheben sich täglich im Herzen.“
Die Schule des Daoismus
Aus der philosophischen Schule des Daoismus, der die metaphysische Einheit komplementärer Gegensätze wie Wachsein und Schlaf, Tag und Nacht, Weiblich und Männlich usw. als höchstes kosmisches Prinzip behauptet, entstammt die von Chuang Tzu erzählte Geschichte des Schmetterlingstraums:
„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flattender Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“
Intuitiver Glaube an Wirklichkeit, die unwiderstehlich naheliegende Erfahrung der Wirklichkeit überzeugen die überlebende Paxton innerlich vom Gegenteil der bereits im Daoismus anklingenden Simulationstheorie, die in der Postmoderne vom poststrukturalistischen Philosophen Jean Baudrillard im medialen Zeitalter technologischer Mediationen und Simulationen ausgefeilt wurde. Empirisch unwiderleglich sei die Simulationshypothese, die zudem logisch axiomatisch widersprüchlich ist, was im Film nicht adressiert wird. Reed negiert jetzt wieder gaslightend die Rationalität religiöser Wahrheit, verneint ihre letztinstanzliche Überprüfbarkeit wegen der im Letzten bestehenden Glaubensfrage als höchstes Axiom einer selbstreferenziellen Theorie. Mittels seiner (unbewussten?) Selbstverstrickung in Widersprüche seiner Religionslehre kann er entweder rationale Ablehnung von seinen Missionsopfer oder deren Verfängnis in einer alles logische Denken letztlich ausschließenden Irrationalität erreichen.
Das böse Erwachen
Gegen Ende des Films erkennt Paxton, dass Mr. Reed die ganze Zeit über an einer perfekten Miniatur-Nachbildung seines Hauses geschnitzt hat. Diese Replik ist ein exaktes Abbild jeder Wand, jedes Raumes und jedes geheimen Ganges innerhalb der labyrinthartigen Struktur. Da das Haus selbst ähnlich wie Dantes Inferno mit verschiedenen Ebenen und Untergeschossen aufgebaut ist, dient die Miniatur Paxton als eine Art Masterplan. Der Antagonist Mr. Reed errichtet sein hochtechnisiertes Haus als hermetisches Labyrinth zur totalen psychologischen Manipulation und Dominanz. Das Anwesen fungiert dabei als physische Repräsentation einer manipulationsträchtigen Schöpfung, in welcher der »Große Architekt« und freimaurerische »Baumeister« Reed die Protagonistinnen durch die verschiedenen Schichten eines simulierten Infernos treibt. Das Haus ist sein Universum, und die Menschen darin lediglich Spielzeuge, über die er sinister und zynisch disponiert. Dies korrespondiert mit der gnostischen Vorstellung des bösartigen Schöpfergottes Yaldabaoth, der die Seelen durch Unwissenheit, Angst und Kontrolle in einer materiellen Matrix, in einem kosmischen „Labyrinth“ aus Sphären, Gesetzen und Täuschungen, das die Seele binden und von der befreienden Erkenntnis (Gnosis) abhalten soll, gefangen hält. In der Gnosis ist er der zentrale, archontische Herrscher: ein für seine Herkunft und Geschöpftheit blinder, überheblicher Demiurg, der an der Spitze eines Systems von Archonten steht.
Das Haus gleicht dem Labyrinth von Knossos, in dem Reed die vereinte Rolle sowohl des tyrannischen Minos, des architektonischen Dädalus wie auch des gefräßigen Minotaurus einnimmt. Minos konzipierte mithilfe des Architekten Dädalus ein Labyrinth-System, das erst der Held Theseus durch Mut und Klugheit und solidarische Liebesgunst seiner Ariadne überwindet. Das „Reich“ des Minotauros ist also einerseits der exoterische Palast- und Machtbereich des Minos, andererseits das esoterisch-innere Reich der Gewalt, in dem Menschen gefangen und zugunsten des Machtsystems Minos‘ – die athenischen Tributvasallen demütigend – geopfert werden. Die Miniatur des Hauses von Reed symbolisiert hierbei die absolute Kontrolle des Schöpfers über seine Schöpfung, die qualitative Identität von Mikro- und Makrokosmos. Dieses minotaurische Labyrinth dient dazu, die Opfer zu einem aussichtslosen Spiel zu verführen, in dem jede Wahl (wie die Türen zwischen Glauben und Unglauben) letztlich in denselben hadesartigen Todesskerker führt. Paxton findet eigenständig den Ariadnefaden, der ihr via Einsicht in den Mikrokosmos des Labyrinths den Ausbruch aus dessen Makrokosmos erlaubt. In manchen Deutungen des antiken Mythos wird angenommen, dass Ariadnes Fadenknäuel auf Dädalus‘ Erfindung zurückgeht. Er wandelt das Wissen, das das System gebaut hat, in ein Wissen, das es unterlaufen kann. Dädalus verkörpert damit eine doppelte Rationalität: dieselbe technische Intelligenz, die eine perfekte Machtmaschine bauen kann, enthält auch die Möglichkeit zu ihrer Unterwanderung. Der Faden ist die minimale Gegen-Technik zum Labyrinth: eine lineare Ordnung gegen die verwirrende, zirkuläre Ordnung des Baus – ein Prinzip der Spur, Erinnerung und Rekonstruktion, das den Einzelnen wieder aus der Struktur herausführt. Analog dazu erinnert sich Paxton an das ursprüngliche Wissen um die Existenz Gottes.
Die Wandlung des biederen Schuldmädchens
Schwester Paxton vollführt urplötzlich einen rasanten und virtuosen, aber wenig glaubhaften Charakterwandel vom schüchternen Schulmädchen zur scharfsinnigen Analytikerin und Meisterpsychologin, die in maximaler Stresssituation messerscharf die raffiniert gesponnenen Lügen ihres Entführers durchschaut. Die Austauschthese erscheint ihr logisch betrachtet am wahrscheinlichsten, woraufhin sie diese sogleich mit dem Konsens von Mr. Reed überprüfen darf in einem darunter befindlichen Kellerkabuff, in dem sich im letzten Raum hinter mehreren Räumen voller satanischer Götzenbilder und Symbole wie dem Pentagramm eine Menschenkäfighaltung von Reeds hier angeblich sich freiwillig aufhaltenden „Prophetinnen“ zeigt. „Warum tun sie das?“ fragt Paxton entsetzt angesichts der Gräueltaten den satanistischen Peiniger und mitleidvoll mit den gequälten Frauen. „Warum lassen sie [die Frauen und Paxton selbst] mich gewähren?“ erwidert Reed zynisch und interrogativ. Die Antwort wird vom Regisseur suggeriert: Alle Menschen sind vorhersehbar wegen ihrer lebenslangen und allumgreifenden Programmierung, werden zum Gebrauch ihres vermeintlich freien Willens angeleitet.
»Männer diktieren alle Entscheidungen: wo, wen und was du anbetest. Welche Kleidungsstücke du trägst.« geifert Reed seinen feministischen Sermon auf Paxton herab, der er sich widerwärtig von hinten sexualisierend annähert. Die magische mormonische Unterwäsche, über die er sich lustig macht und die am Filmbeginn bereits Anlass für die öffentliche Beschämung von Paxton war, taucht als Motiv der Scham erneut auf. Der Satanist nutzt ein feministisches Narrativ zur Hervorlockung ihrer rebellischen Instinkte wider Gott und biblische Gebote. Böse Zungen würden das auf die ideenpolitische Wirklichkeit unserer Gesellschaft übertragen. Paxtons verinnerlichte christliche Sexualmoral wird von der Gesellschaft und Reed lächerlich gemacht. Ihre natürliche, im Mormonenkult persistierte Scham wird beschämt, sie lässt sich jedoch nicht brechen und entkommt ihm durch einen gewalttätigen Gegenschlag, bei dem sie ihm einen spitzen Gegenstand in die Hals rammt.
Das letzte Gebet
Selbst die Rückkehr zur Mitschwester in den großen Kellerraum nach ihrer Flucht vor Reed wurde von diesem scheinbar vorhergesehen. Er rammt ihr eine Waffe in den Bauch und erzeugt dabei eine klaffende Blutwunde. Beide liegen schwer verletzt am Boden. Reed würgt scheinbar verzweifelt im Todeskampf hervor: „Bete für uns!“ „Beten hilft nicht.“ antwortet ihm auf einmal Paxton konsterniert. Sie ringt im Angesicht des Todes mit ihrem Glauben und verweist auf ein empirisches Gebetsexperiment, das angeblich die Unwirksamkeit des Betens bei Kranken beweise, erneut ein leicht widerlegliches, weil rein materialistisches Experiment. Schön sei das Beten, schön sei es, an jemand anderen als an sich selbst zu denken, selbst wenn es ein Böser wie Mr. Reed ist. Paxton verliert innerlich bis zu einem gewissen Grad scheinbar den Glauben, hängt ihm aus Schwäche oder Verzweiflung oder Gottes Gnade dennoch bis zum bevorstehend geglaubten Tod an. Bricht der in den letzten Lebensminuten sich zu ihr hin auf dem Boden robbende und röchelnde Reed innerlich vor dem Tod trotz seines Satanismus, kehrt er reuig um oder sucht er nur Nähe aus Angst vor Einsamkeit angesichts des nahen Todes?
Dankbar zeigt sich Paxton im Gebet Gott für alle Prüfungen und die lebenslange Begleitung durch Gott. Dies ist ein starkes Indiz für die Bewahrung des Glaubens, auch wenn Beten nicht angehört wurde im Leben. Trotz Leid und harter Prüfungen behält sie den Glauben an Gott. Das Filmende verkündet in einer für Hollywood ungewöhnlicher Weise eine positive Bejahung der Theodizee-Frage.
Nachdem Paxton durch einen Luftschacht aus dem Verlies entkommt, erlebt der Zuschauer eine letzte Wiederkehr des Schmetterlingstraums. Ein Schmetterling setzt sich für einen kurzen Moment auf ihre Fingerkuppe, während sie vor Schmerz knieend im Gras kniet. Ist es ein Zeichen des Nachlebens von Barnes, ein Zeichen der Existenz Gottes oder eine irreale Simulation? Ist Paxton Mensch oder Schmetterling und träumt gerade wie der daoistische Träumer, der nach dem Schlaftraum in die Wachrealität aufwacht? Die Traumanalogie ergibt indes nur dann einen Sinn, deutet man die Schmetterlingswahrnehmung als Tagtraum, bei dem ein Fragment aus der Schlafwirklichkeit in die Tagwirklichkeit hineinsteht. Auf Basis der daoistischen Philosophie wäre auch der nächtliche Traumzustand ontologisch gleichwertige Wirklichkeit im Verhältnis zur Tagwirklichkeit, sie kann also letztlich nicht verlässlich zwischen Wach- und Traumzustand unterscheiden. Im Tagtraum könnte also Paxton ihre Freundin Barnes in der Gestalt des Schmetterlings begegnet sein.
Offene Gottesfrage in „Heretic„
Der Film endet ambivalent mit einer tendenziell positiven Bejahung der Theodizee-Frage: Ein Schmetterling setzt sich auf Paxtons Finger, was als Zeichen für die Existenz Gottes, das Nachleben von Barnes oder eine letzte irreale Simulation gedeutet werden kann. Das plötzliche Verschwinden des Schmetterlings ist ein direkter Verweis auf das daoistische Paradoxon des Zhuangzi. Dieses visuelle Signal markiert einen „Glitch in der Matrix“ und insinuiert, dass die vermeintliche Befreiung der Protagonistin möglicherweise innerhalb einer weiteren Ebene einer künstlichen Simulation stattfindet. Für das prädominierende Leitmotiv des Simulationsgedankens spricht die wiederholte Fehldirektion der Protagonistinnen durch Mr. Reed und seine wiederholte Einfädelung in die Filmhandlung. Die verschiedenen Elemente des Films – vom Horror bis zur Religionsdebatte – wären dann auch lediglich Ebenen einer Täuschung, die den Zuschauer systematisch von der Erkenntnis der Simulation wegführen sollen.
In dieser simulationstheoretischen Lesart wird die materielle Realität als betrügerisches Konstrukt eines psychopathischen Demiurgen durch das Filmende entlarvt, das nur durch den radikalen Prozess des selbstbefreienden Erwachens überwunden werden könne. Die Behauptung eines solcher Gefangenheit im archontisch-demiurgischen Labyrinth könnte innerhalb des Simulationsparadigmas indes niemals eine objektive Erkenntnis sein, da der in der Materie vom maliziösen Demiurgen und seinen Archonten verfangenen Seele auch diese Einsicht bloß als Simulation vorgespiegelt werden könnte. Das grundlegende Axiom der Simuliertheit aller Erfahrungen und Wirklichkeitsstrukturen ist fundamental selbstwidersprüchlich. Wenn die gesamte Wirklichkeit, die eine gefangene Seele erlebt, simuliert ist, ist notwendig auch die Erkenntnis der Simuliertheit nur Reflex dieser Simulation und ergo nicht wirklich im eigentlichen Sinne. Ohne einen Begriff absoluter Wahrheit kann überdies nicht zwischen Wahrheit und Simulation erkenntnistheoretisch unterschieden werden. Die Simulationstheorie führt folglich konsequent durchdacht in einen totalen Skeptizismus ohne jede Erkenntnismöglichkeit.
Das durch die Tannenzweige schimmernde Licht kündet nach christlicher Symbolik von Gott. Von seiner Existenz und Präsenz zeugen erlösende Musik, strahlendes Licht und die idyllisch präsentierte Schönheit der Natur.
Gott ist eben doch wahr. Wer dieser Gott ist, in welcher Konfession er zu finden ist und was er (moralisch) vom Menschen erwartet, muss der Zuschauer des Films selber herausfinden. Am Ende des Films ist er diesen Fragen, wenn er im Herzen offen war, aber ein gutes Stück nähergekommen und kann sich nicht als aufgeklärter und moralisch bestärkter Atheist diesen Fragen unredlich und pseudowissenschaftlich entziehen.
Ein Gastbeitrag über substack: https://lexlogos.substack.com/p/heretic-gottliche-schopfung-oder?r=60rqqn&utm_campaign=post&utm_medium=web&showWelcomeOnShare=true




